Leselust

„Die Briefeschreiberin“ von Virginia Evans hat mich in den Bann gezogen und zutiefst berührt. Der außergewöhnliche Briefroman zeigt wieder einmal, wie viele Wege es gibt, einen Roman zu schreiben. Es ist das Porträt einer älteren Frau, deren Vergangenheit sich Stück für Stück zwischen den Zeilen entfaltet. Die Autorin bietet hier keine klassische Erzählerperspektive, sondern lässt die Briefe der Protagonistin für sich sprechen. Jeder Brief, hat eine eigene Tonlage, mal humorvoll, scharfzüngig, nachdenklich, verletzlich oder tief berührt. Die Protagonistin Sybil kommuniziert mit der ganzen Welt, ihrer Familie, der besten Freundin, mit bekannten Autoren und Autorinnen, ihrem Augenarzt oder einer Person, die sie stalkt. Die Autorin, die Ende Dreißig ist, konnte sich erstaunlich gut in die Seele ihrer 72jährigen Protagonistin hineinversetzen, wie Sie im Interview berichtete, bot ihre Schwiegermutter zum Teil die Vorlage.

Berührt hat mich der Roman, weil wir mit zunehmendem Alter – nämlich dann, wenn wir die Turbulenzen des beruflichen Alltags ein Stück hinter uns lassen können – schmerzliche Erinnerungen, Episoden unseres Lebens nach oben treiben, die wir für „erledigt“ hielten und feststellen, dass sie nur geparkt waren und jetzt verarbeitet oder gewürdigt werden wollen.

Goldmann, Juni 2026

Cover Die Briefeschreiberin